virus31 kultur ist keine ware
 
kultur in gefahr
 Charta   Hausaufgaben   theatre danger   Termine   Dokumente   Presse   Links   Kontakt 

Informationen zum Streik der Künstler und Techniker mit Zeitverträgen (Intermittents) in Frankreich

in: Theater der Zeit
Frankreich ist das einzige Land in der EU, das über ein spezielles System der Arbeitslosenversicherung für Künstler und Techniker mit Zeitverträgen verfügt.

Dieses System geht auf die 1936 in der Volksfrontzeit geschaffenen Arbeitslosenversicherung zurück. Es trägt der Besonderheit der Beschäftigungsformen in diesem Bereich Rechnung. Im Gegensatz zu Deutschland verfügt das französische Theater  kaum über feste Ensembles.Das einzige traditionelle Ensembletheater und zugleich einziges Repertoire-Theater des Landes ist die Comédie Française. Darüber hinaus gab es seit den 90er Jahren den Versuch, an einigen staatlichen Regionaltheatern (Centre Dramatique National) feste Ensembles zu gründen, so etwa an der Comédie de Reims. Solche Intiativen bleiben jedoch isoliert, da die staatlichen Subventionen derartige Strukturen nicht vorsehen. Im Schnitt beschäftigen die französischen Staatstheater nicht mehr als 20 bis dreißig fest angestellte Personen, die meisten arbeiten in Verwaltung und Technik, der geringste Teil im künstlerischen Bereich. Die Theaterproduktion selbst wird zum allergrößten Teil von Theaterschaffenden mit Zeitverträgen realisiert. Das gesamte französische Theatersystem stützt sich also in allerhöchstem Maße auf dieses Personal.

Die Anzahl der Künstler und Techniker, die mit Zeitverträgen arbeiten (intermittents), beläuft sich auf ca. 70000 Personen, davon arbeitet der größere Teil in der Film- und Fernsehindustrie, der kleinere Teil in den darstellenden Künsten (Theater, Oper, Tanz). Diese Gesamtzahl wird zum Teil noch höher angesetzt, je nach statistischer Erfassung.

Das spezielle System der Arbeitslosenversicherung für Künstler und Techniker mit Zeitverträgen trägt der Diskontinuität und der Flexibilität der Arbeitsverhältnisse Rechnung, die für den Bereich Bühne, Film und Fernsehen charakteristisch sind. Es bietet den Beschäftigten ein Ersatzeinkommen während der Zeit ihrer Nichtbeschäftigung. In dieser sind sie ja nicht arbeitslos im eigentlichen Sinne, sondern in der Regel mit dem Erarbeiten neuer Projekte, mit Training, Weiterbildung und der Suche nach neuer Arbeit beschäftigt.

Trotz dieser speziellen Arbeitslosenversicherung, die in Europa einmalig ist, hat sich die Lage der Beschäftigten enorm verschlechtert, so daß nur ca. 50% die Bedingungen für den Bezug von Arbeitslosengeld erfüllen. Und auch die Lage der anderen 50% ist alles andere als rosig. Die Hälfte aller derjenigen, die Anrecht auf die Arbeitslosenversicherung haben, verdienen weniger als den staatlich festgesetzten Mindestlohn (SMIC), das Durchschnittseinkommen der Zeitarbeiter, die während der beschäftigungslosen Zeit Arbeitslosengeld beziehen beläuft sich auf 7655€ pro Jahr, d.h. 638€ pro Monat.

Die spezielle staatliche Arbeitslosenversicherung für Künstler und Techniker mit Werkverträgen ist angegliedert an die allgemeine Arbeitslosenversicherung UNEDIC. Sie sieht ein Arbeitslosengeld für die Überbrückungszeit zwischen zwei aufeinanderfolgenden Werkverträge vor. Die maximale Überbrückungszeit betrug bislang 12 Monate. Die Mindestanwartschaftszeit, die zum Erhalt des Arbeitslosengeldes notwendig ist, beträgt bislang 507 Arbeitsstunden (Probenstunden und Vorstellungen) im Lauf der letzten zwölf Monate vor Beantragung des Arbeitslosengeldes. Das Arbeitslosengeld richtet sich nach der Höhe der Wochen- bzw. Monatsgage. Der Mindesttagessatz liegt zur Zeit bei 24,24€. Die Versicherungsbeiträge  werden zu gleichen vom Vertragsnehmer und dem Vertragsgeber bezahlt. Die Beitragssätze zu dieser Spezialversicherung sind prozentual höher bemessen als in der allgemeinen Arbeitslosenversicherung. Die Bedingungen der Arbeitslosenversicherung im Bereich Theater und audiovisuelle Medien werden nicht wie in Deutschland durch den Gesetzgeber festgelegt, sondern zwischen den Tarifparteien ausgehandelt, dabei werden Arbeitgeberseite durch den französischen Unternehmerverband MEDEF, den Verband der kleinen und mittelständischen Betriebe CGPME, die Berufsunion der Handwerker UPA vertreten, die Künstler und die Techniker durch eine beträchtliche Anzahl von Gewerkschaften , die FNSA-CGT, die FO, die CFDT, die CFTC und die CFE-CGC -  in Frankreich gibt es bekanntlich keine Einheitsgewerkschaft wie in Deutschland , sondern Richtungsgewerkschaften. Bezeichnend ist, daß der offizielle französische Bühnenverband SYNDEAC nicht dem Unternehmerverband MEDEF angehört und deshalb nicht am Verhandlungstisch sitzt. Die ausgehandelten Regelungen bedürfen der Ratifizierung durch die französische Regierung.

Der jetzige Arbeitskampf ist der härteste in der Geschichte des französischen Theaters. Verursacht wurde er durch das Scheitern der Verhandlung über eine Reform der speziellen Arbeitlosenversicherung, die zur Zeit durch eine  Finanzkrise bedroht wird. Erheblichen Verantwortung für diese Krise tragen die großen Unternehmen der Film- und Fernsehprodution, sowie die Pariser Oper, die um Geld einzusparen,  quasi-permanente Arbeitskräfte mit Werkverträgen versehen, um so die Lohn- und Lohnnebenkosten, die sich aus festen Anstellungsverträgen ergeben würden, zu drücken. Dieser in der Öffentlichkeit heftig diskutierte Mißbrauch des Versicherungssystems, sowie die Austrocknung der Subventionen für die Theatercompagnien und die Finanzkrise der öffentlichen Theater haben das Versicherungssystem in eine schwierige Situation gebracht.

Das von der Unternehmerseite und einigen Gewerkschaften ausgehandelte Kompromiß sieht eine Reduzierung der maximalen Überbrückungszeit auf 8 Monate vor, die Mindestanwartschaftszeit wurde verkürzt auf zehneinhalb Monate für Künstler, dafür muß der Bezugsempfänger von Arbeitslosengeld zunächst seine alten Rechte ausschöpfen, bevor er eine erneute Anwartschaft bekommt. Außerdem werden die Beitragssätze zur speziellen Arbeitslosenversicherung drastisch erhöht.

Diese „Reform“ hat folgenden Konsequenzen: Durch die neuen Regelungen für die Berechnung des Arbeitslosengeldes wird die spezielle Arbeitslosenversicherung von innen ausgehöhlt. Zum einen begünstigt das System die regelmäßigen Einkünfte gleicher Höhe, zum anderen werden 35% der jetzigen Leistungsberechtigten aus dem System ausgeschlossen. Besonders betroffen sind die Beschäftigten sämtlicher Theatersparten: 60% der dort Beschäftigten erreichen nur mit Mühe die Berechtigung zum Anspruch auf Arbeitslosengeld.

Das Vertragsprotokoll wurde von zwei Gewerkschaften nicht unterzeichnet, der FNSA-CGT und der CGT-FO. Die FNSA-CGT und die CGT-FO sind die Gewerkschaften, in denen die "Intermittents" mehrheitlich organisiert sind. Sie sind zusammen mit den Streikkomitees der nichtorganisierten „Intermittents“ die Träger des augenblicklichen Streiks. Die Auswirkungen der Reform sind angesichts der schlechten Berufssituation für Schauspieler, Regisseure, Bühnen- und Kostümbildner und Bühnentechniker katastrophal: nach Einschätzungen der Gewerkschaften und der Berufsverbände des französischen Theaters werden bis zu 20000 Personen und mehr in den kommenden Jahren aus dem Beruf gedrängt.

Der Arbeitskämpfe haben im Monat Juli zur Absage der großen Sommerfestivals in Frankreich geführt. An den Einnahmeausfällen der Festivals und der Tourismusindustrie lässt sich ablesen, wieviel an der zumeist miserabel bezahlten Arbeit der Künstler und Techniker verdient wird. Allein in Avignon beträgt der Einnahmeausfall nach offiziellen Schätzungen 40 Millionen Euros. Im Schnitt kann man davon ausgehen, daß die Einnahmen des Hotel- und Gaststättengewerbes und anderer Unternehmen, die von den Festivals profitieren, zwei bis dreimal so hoch sind wie der Gesamtetat des jeweiligen Festivals, im Falle von Avignon sogar 5 bis 7mal so hoch.

Die „Reform“ der speziellen Arbeitslosenversicherung steht in engem Zusammenhang mit dem Rückzug des Staates aus dem Bereich der öffentlichen Dienstleistungen und der Kultur:
In diesem Jahr wurden die Subventionen des Kulturministeriums um 10% gekürzt. Die Abgaben der Arbeitgeber für Renten- und Arbeitslosenversicherung, sowie für die staatliche Urlaubskasse haben sich seit einem Jahr verdoppelt. Die Etatausgaben für kunstpädagogische Arbeit in den öffentlichen Schulen wurden 50 bis 70% gekürzt. Das System der Koproduktionsverträge zwischen den Stadtverwaltungen und einzelnen Theatertruppen wurde aufgelöst. Darüber hinaus werden im Erziehungswesen und in der Forschung ebenfalls massive Haushaltstreichungen vorgenommen. Teilweise werden ganze Forschungszweige privatisiert.

Darüber hinaus steht der Kampf der Intermittents im Zusammenhang mit der allgemeinen Politik des Sozialabbaus in Frankreich, der „Reform“ des Rentensystems und der bevorstehenden „Reform“ der gesetzlichen Krankenversicherung.

Die gegenwärtige Kulturpolitik der französischen Regierung muß vor dem Hintergrund der laufenden Verhandlungen der Europäischen Kommission mit der Welthandelsorganisation über die Öffnung des Dienstleistungssektors und der Kultur für private Investoren. Der für die Verhandlungen zuständige Kommissar Pascal Lamy hält seine Vorschläge vor der Öffentlichkeit zurück, weil der Protest gegen die massive Vermarktung und Kommerzialisierung der kulturellen Produktion in zahlreichen Ländern Europas sonst noch größer würde. Die Problematik und die Konsequenzen dieser Vorgänge sind den Kulturarbeitern in Deutschland nicht hinreichend bewußt. Die einzige Bewegung, die versucht, ein Bewußtsein für die internationale Dimension des Problems zu schaffen ist zur Zeit ATTAC.

Die Mobilisierung der Streikenden steigt zur Zeit weiter an. Zunehmend werden auch inhaltliche Fragen der künstlerischen Arbeit in der jetzigen Situation thematisiert: immer mehr geht es um die Stellung des Theaters und des Films in der Gesellschaft. Auch treten die internationalen Aspekte der Krisensituation immer mehr in den Vordergrund. Die Streikenden, ob gewerkschaftlich organisiert oder nicht, haben sich überall in Frankreich spontan zu regionalen Koordinationen zusammenschlossen. Diese Koordinationen tagen permanent und fassen die Beschlüße zu den jeweiligen Kampfmaßnahmen, zugleich sind sie Forum der allgemeinen Diskussion über Kulturpolitik, sowie über die beruflichen Nöte und Probleme der Künstler und Techniker. Eine nationale Koordination ist im Aufbau. Jede Koordination ist gegliedert in Ausschüsse: Kampfmaßnahmen, Information-Dokumentation, interregionale Beziehungen, Presse, Internet, juristische Beratung usw. Jede Entscheidung einer Kommission wird der Vollversammlung zur Diskussion und zum Beschluss vorgelegt. Die Europakommission der Koordination Ile de France (Paris) denkt über das Statut der Künstler in Europa nach. Sie versucht ein Netz in Europa aufzubauen, um die europäischen Künstler zu mobilisieren. Erklärtes Ziel ist es, die spezifischen Eigenheiten der künstlerischen Arbeit zu verteidigen und Druck auf die europäischen Institutionen auszuüben, damit der kulturelle Bereich, wie auch der Bereich der öffentlichen Dienstleistungen aus den kommenden Verhandlungen der Welthandelsorganisation WTO herausgenommen wird.

Text im RTF-Format oder im PDF-Format:

impressum